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Man findet sich in einem Zwischenbereich, einem Niemandsland, wo alles von schneidender Härte ist; einer Welt aus Weiß und Grau, ohne Uhren und Kalender.
Walter Helmut Fritz

Hans Erich Nossack
Porträt Nossack
Nach dem letzten Aufstand

Walter Helmut Fritz: Atempausen der Prosa über 'Nach dem Letzten Aufstand'

Wie fast alle Bücher Nossacks ist dieser Text der Bericht eines Mannes, der noch einmal davongekommen ist; der die Sackgasse kennt und sie zu einem möglichen Aufenthaltsort gemacht hat; dessen Stimme vor Schrecken bebt. Von vertrauten Vorstellungen hat sich Nossack entfernt. Man findet sich in einem Zwischenbereich, einem Niemandsland, wo alles von schneidender Härte ist; einer Welt aus Weiß und Grau, ohne Uhren und Kalender. Manchmal begegnet man darin einem – sehr wenig klischeehaften – Humor.

Die Sprache ist sachlich. Sie registriert. In seiner Büchner-Preis-Rede sagte Nossack im Hinblick auf Büchners Erzählung Lenz: »Wir haben die nackte Situation selber, die jeder Metapher und jedes deutenden Bildes entraten kann, ja, sogar dadurch verfälscht würde. Die höchste Form der Prosa, die sich erreichen läßt.« Damit erläuterte Nossack zugleich sein eigenes Ziel. Seine Prosa ist nicht »perfekt«. Denn das lebendige, fortzeugende Kunstwerk erreichte uns nur »über die Interferenzen, über die mühsam beherrschten Abweichungen, über die winzigen menschlichen Atempausen«.

Bei dem Letzten Aufstand, von dem die Rede ist, handelt es sich offenbar um einen schrecklichen Nullpunkt. Was man davon berichte, entbehre der historischen Zuverlässigkeit, liest man einmal. Den Jüngeren bringe man schon in der Schule bei, daß die Zeitrechnung mit dem letzten Aufstand erst begonnen habe. Die Monate und Jahre des Übergangs hätten unzählige Menschenleben gekostet, doch erkläre man die Ereignisse als einmalige Notwendigkeit, die uns aus der Nacht des Aberglaubens in die Taghelle geführt habe, die man heute genießen dürfe und die zu erhalten die Bestimmung des Menschen sei, da sie Sicherheit und Freiheit gewähre.

Oder man liest an einer anderen Stelle, der letzte Aufstand müsse eine Periode völliger Entmenschlichung gewesen sein, »darum vermutlich liegt sie wie eine Lücke, über die, wenn wir ehrlich sind, zurückzudenken uns unmöglich ist, zwischen dem, was vorher war, und unserem heutigen Zustand«. Die umschreibende Kennzeichnung dessen, was der letzte Aufstand eigentlich ist, gehört mit in die auffallende Konstruktion des Buches, in dem es eine Reihe von modellartigen Figuren gibt, wie etwa den Obersten der Diener.

Ich glaube, man darf unter dieser Konstruktion gleichsam hindurchlesen und auf den großen Monolog hören, auf den es ankommt. Er wäre auch dann gehalten worden, wenn es keine Zuhörer gegeben hätte, heißt es. Entscheidende Sätze sind dies: »Übrigzubleiben, während einem alles vor Augen vergeht, was man liebt, das ist schwer, sich damit abzufinden. Man fragt sich: Warum durfte ich nicht helfen! Warum habe ich dich verlassen?« Die Vermutung liegt nahe, daß alle Verschlüsselungen des Buches dazu da sind, eine zu direkte Mitteilung des Leidens, das (wie in diesen Sätzen) oft vernehmbar wird, zu vermeiden.

Wenn man sich mit dem Buch einläßt, spürt man, daß es etwas in einem verändert. Ein Monolog, ja. Aber er ist letzten Endes doch zum andern hin gesprochen, weil er hilft, den Erdentag ins Rechte zu denken. Rebellion ist darin gegen jeden Funktionalismus. Erwähnen wir auch die Hellsicht. Und die Unruhe: »Wir haben wohl äußerlich ein wenig Rinde angesetzt, aber dahinter ist alles offen und zweifelhaft wie früher.« Auch dieser Bericht ist streng und kühl. Man erfährt darin etwas von der »tiefsten Gemeinsamkeit, die uns die Not gewährt«.

Wir sagten es hier schon einmal: Nossack ist einer der wenigen wirklich großen Dichter, die heute bei uns schreiben. In seinem entschiedenen Werk ist ein Fort-Schritt in Räume, in denen man den eigenen Atem hört; ein grüßendes Fortgehen eines jeden in seine Einsamkeit – aber entsteht nicht erst daraus in einem tieferen Sinne Gesellschaft?
1962


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