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“Weißt du, warum man so auf seinen Schlaf erpicht ist? Nur um ein paar Tage länger jung auszusehen? Ach, und wenn dann der Schlaf kommt und man träumt, dann ist man uralt, und kein Engel ist da; man liegt da wie ein Stück Holz im Moor, ewig, und kann nicht sterben. Und das alles zur Strafe, weil man ein einziges Mal wach gewesen ist, als der Engel da saß und man dachte: Nun brauche ich nie mehr zu schlafen.”

Hans Erich Nossack
Porträt Nossack
Der jüngere Bruder

Spiegel-Rezension aus dem Jahre 1958

Ein bohrendes Buch, das der 57jährige Autor da schrieb, nachdem er sich aus seiner Hamburger Kaffeehandelsfirma aufs - bayrische - Land zurückgezogen hatte. Wie Nossacks frühere Romane ("Spätestens im November« und »Spirale") begnügt sich »Der jüngere Bruder« nicht mit Idyllischem, sondern behandelt das Nachkriegs-Europa, »in dem die Menschen sich geben, als ob nichts gewesen wäre, und wo alles, vom Parteipolitiker jeder Schattierung bis zur Industriellen-Gattin, christliches Abendland spielt«.

Nach zehnjährigem Südamerika-Aufenthalt kehrt ein Ingenieur 1949 in die deutsche Heimat zurück, um den seltsamen Tod seiner Frau aufzuklären. Ihm begegnet - indirekt - ein engelsgleicher junger Mann, der im verwüsteten Europa jene »unsichtbare Vorhut des Menschen« symbolisiert, die unerkannt und zukunftsgläubig »heute nur noch in den großen Städten« umgeht. Der Verfasser kann weder die Geschäftswelt des Westens noch die des Ostens empfehlen; ihm geht es um die »andere« Sprache, von der allein Hoffnung kommt, daß der Mensch wieder wirklich zu leben beginne.

Des Autors Pessimismus, der schon kurz nach dem Kriege die Aufmerksamkeit des Oberexistentialisten Jean-Paul Sartre erregt hat, ist nicht mehr ganz trostlos, obschon auch in diesem neuen Roman Nossacks die dunklen Seiten überwiegen.

Quelle: DER SPIEGEL 50/1958

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