Nossack hat den Untergang Hamburgs im Jahre 1943 miterlebt, genauer gesagt, aus nächster Nähe gesehen. Er befand sich in Maschen bei Harburg, als das Ungeheuerliche abrollte. Und er hat es beschrieben. Seine Aufzeichnungen darüber stammen von November 1943. Sie sind, oberflächlich betrachtet, maßvoll, gezähmt, kaum mit Bedacht geordnet. Aber sie sind ein Strudel. Wenn man sich dazu herbeiläßt, sie zu lesen, wird man von einem ungeheuren Sog erfaßt. Ja, die gewohnte Wirklichkeit nimmt ihre Maske ab, und man erkennt plötzlich ein Gesicht, ein völlig fremdes; aber man wird zugleich versucht zu fragen: ist es am Ende mein Spiegelbild?
– Nun, jeder Satz hat sein gehöriges Maß an Zurückhaltung, an Fragwürdigkeit. Doch aus der Zahl der Sätze formt sich das Schicksal der Stadt, das der Toten und das der Überlebenden. Plötzlich ist die Schilderung eiserner als alle steinernen Denkmäler, die man den Umgekommenen und den zertrümmerten Gebäuden setzen wird. Aber hat man die Stimme gehört? Es ist zu bezweifeln. Jedenfalls hat man die Aussage vergessen oder sie umgedeutet, hat ihr die Schwere genommen.
Nossack sagt es selbst: Klonz lebt. Klonz hat die größere Vitalität. »Pfui über diese Art Vitalität! Mir ist die zarte Vitalität einer Geliebten lieber. Und ich halte jene wohl nicht minder zerbrechliche Vitalität Gottes für wertvoller, von dem wir immer noch nicht wissen, ob er davongekommen ist. Statt dessen aber prahlen diese Wesen überall mit ihrer Vitalität und kommen gut voran, da sie nichts mehr in ihrem Wachstum hemmt.«
– Ach, ich möchte hier den ganzen Klonz zitieren, die Schilderung dieses Mannes, der alles überlebte, alles überleben wird und immer wieder Wirtschaftswunder hervorzaubert, auch wenn die Kühe auf dem Felde verreckt sein werden und der letzte Dichter seinen Abgang vollzogen hat. Herr Klonz ist tüchtig. Wer kann das von sich noch sagen, wenn er begonnen hat nachzudenken? Lassen wir das. Doch zurück zum Untergang Hamburgs.
»Ratten und Fliegen beherrschten die Stadt. Frech und fett tummelten sich die Ratten auf den Straßen. Aber noch ekelerregender waren die Fliegen. Große, grünschillernde, wie man sie nie gesehen hatte. Klumpenweise wälzten sie sich auf dem Pflaster, saßen an den Mauerresten sich begattend übereinander und wärmten sich müde und satt an den Splittern der Fensterscheiben. Als sie schon nicht mehr fliegen konnten, krochen sie durch die kleinsten Ritzen hinter uns her, besudelten alles, und ihr Rascheln und Brummen war das erste, was wir beim Aufwachen hörten. Dies hörte erst später im Oktober auf.«
So war es. Aber wer will daran noch erinnert sein oder gar darüber nachdenken? Wer will sich damit befassen, dass es morgen wieder so sein kann? Schlimmer vielleicht, sofern die Quantität der Zerstörung die Qualität der Vernichtung ausmacht. Es ist also die Frage gestellt, ob man den Dichter versteht; ob er in unserem Sozialgefüge eine Funktion hat oder ob alles den großen Meinungsmaschinen überlassen bleiben soll.
– Wahrscheinlich muss man Nein zum ersten antworten, wahrscheinlich Ja zum letzten. Man müßte Schluß machen. So etwa sagt Nossack zu sich und seinesgleichen. Aber er verbessert sich: »Wie aber soll einer die Tiefe unseres Fallens ermessen, wenn wir alle abseits gehen und immer nur so tun, als wäre es gut so, wie es ist? Und gibt es denn noch ein Abseits? Die Häuserwände sind zusammengestürzt, die Maskenkostüme sind zerschlissen, und die großen Worte haben keinen Klang mehr. In welcher Pose auch einer auftritt, und mag er ein noch so großer Schauspieler sein, man merkt es doch, wo es ihm fehlt.«
Ja, man merkt es, wo es uns fehlt. » – wenn du uns Gott rufen hörst, traue uns nicht. Einige tun es, weil sie sich erinnern, dass es lange vorher eine Zeit gab, wo es nützte. Andere, weil sie einen Machtzuwachs dadurch erwarten. Selbst, wo sie es gut meinen, schaden sie nur, und vermehren die Ratlosigkeit.«
»Die ihn aber verschweigen, wissen mehr über Gott, als die, die seinen Namen im Munde führen. Sie wollen ihn nicht zu einem Beruf erniedrigen, der ihm nicht liegt. Sie schämen sich, ihm kein besseres Dasein bieten zu können. Sie haben Mitleid mit ihm.«
Die Absicht dieser meiner Worte ist es, auf Hans Erich Nossack hinzuweisen. Aber man kann nicht jedermann auf jeden und jedes hinweisen. Die Menschen sind verschieden, und die meisten heißen Klonz. Eine recht kluge, ich möchte sagen, recht wohlhabende Frau sagte mir vor geraumer Zeit, als wir vom Bilde Deutschlands sprachen: »Es gibt hier zwei Arten von Menschen: Verbrecher und Mönche.« Das ist am Ende eine Übertreibung, weil es eine zu große Vereinfachung ist; denn wohin soll man die Einfältigen, die Untüchtigen und die sogenannten Asozialen rechnen?
dass Nossack zu den Mönchen zählt, möchten wir kaum bezweifeln. Wenn wir das einräumen, ist die Frage erlaubt, ob ein Mönch auch für solche schreibt, die einer Gewissensprüfung nicht fähig sind. Ich glaube kaum. Er schreibt nicht für Klonz. Vielleicht schreibt er über Klonz, der vielleicht ein guter Gastwirt ist; doch nicht für ihn. Wie könnte er das auch? Wie könnte es einer, der nur ein einziges Mal dies gedacht hat: »Es gibt etwas Schlimmeres als das Nichts. Das ist, dass die Karikatur des Menschen dies Nichts mit Betriebsamkeit erfüllt; dass sich ein gefräßiges Zerrbild aufbläht und alles Echte erstickt; dass der Spießbürger ewiger ist als der Mensch. Wie soll man das ertragen?«
Anmerkung:
In der ersten Hälfte seiner kleinen Rede spricht Jahnn über Nossacks 'Der Neugierige'
In der Bibel lässt sich nachlesen, wie Gottvater in seinem Zorn über die sündhaften Bewohner von Sodom und Gomorrha Schwefel und Feuer vom Himmel herabregnen liess und die beiden Städte völlig vernichtete. Im Zweiten Weltkrieg übernahm das «Bombing Command» der Royal Air Force die Rolle Gottvaters.
Bereits im Winter 1941 forschten Spezialisten des englischen Luftfahrtsministeriums danach, wie man durch den kombinierten Einsatz von Brand- und Sprengbomben deutsche Grossstädte möglichst vernichtend treffen konnte. Die Planung lief unter dem Codewort
«Gomorrha». Als Ziel wurde die Hansestadt Hamburg ausersehen, deren «Verwundbarkeit» als «hervorragend» eingestuft wurde.
Die Operation «Gomorrha» begann in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1943 und dauerte mit Unterbrüchen bis Anfang August. Im ersten Grossangriff kamen über siebenhundert Flugzeuge zum Einsatz. Sie warfen eine Bombenlast von 2300 Tonnen auf Wohnquartiere ab.
Es kam zu einem sogenannten «Feuersturm». Über der Stadt bildete sich eine Hitzesäule, die frische Luft mit solcher Kraft anzog, dass orkanartige Winde die Menschen in die Flammen rissen. «Gomorrha» forderte insgesamt 37’000 Tote,
und etwa 900’000 Bewohner verliessen die Stadt.
Luftmarschall Arthur Harris wertete die Operation als Erfolg und sah sich in seiner Hoffnung bestärkt, man könne Deutschland auf diese Weise demoralisieren und so den Zusammenbruch beschleunigen. Flächenbombardements dieser Art,
denen später auch weitere Städte wie Berlin und Dresden ausgesetzt waren, stellten ein schreckliches Novum der Kriegsgeschichte dar. Der Tod von Zivilisten wurde dabei nicht nur in Kauf genommen, sondern sogar angestrebt.
Frauen, Kinder und Greise, aber auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter kamen ums Leben. Der Abwurf von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 wurde schliesslich zum traurigen Höhepunkt in der Geschichte der Flächenbombardements.
Im Journal21 würdigt Urs Bitterli den Bericht 'Der Untergang' von Hans Erich Nossack