»[...] diese Verse erregten meine höchste Aufmerksamkeit, sie überraschten durch einen eindringlich mahnenden Ton. Sie waren liedhaft, aber streng geprägt; sie kreisten um die Einsamkeit des Worts, das den Aufschrei zurückhielt und wie aus Eis geformt schien. In diesen Gedichten sprach mich unmittelbar ein Mensch an [...]«
Peter Prochnik
Hans Erich Nossack: Gedichte
Ausstattung: Hans Hermann Hagedorn
Wolfgang Krüger Verlag. Hamburg: 1947
18,5 x 11,5 x 0,7 cm, 77 Seiten
Original-Pappband, Fadenbindung
Die meisten Gedichte wurden in einem Luftschutzbunker der Hamburger Docks 1941 in dem kurzen Zeitraum von drei Monaten geschrieben. Einige haben allerdings eine längere Geschichte (Der Schächer wurde schon 1928 geschrieben; das mächtige und bewegende Rief da ein Mann? 1934; Vorspruch und Frage 1935). Nur wenige Gedichte wurden vor 1947 publiziert und diese ausschließlich in der »Neuen Rundschau« von 1942 unter dem Einfluß Hermann Kasacks, der sich selbst als Nossacks literarischen Taufpaten betrachtete. Er hat berichtet, wie er 1941 diesen Gedichten begegnete, und sofort von ihrer Kraft eingenommen war.
Peter Prochnik
In meinem Raume bist der Spiegel du
Und wetterleuchtest grell in mein Gewissen.
Ein Bild entsteht und wird hinweggerissen,
und tief erschreckt seh ich mir selber zu.
Du baust ein Haus und stürzt es wieder ein.
Du rufst nach Weib und Kind und Gott und glaubst,
was du mit andrer Hand zugleich uns raubst.
Wenn du verzichtest, sollen wir gläubig sein?
Wann bist du Leib, zu lieben oder lassen?
Wann Wort und Geist, zu fliehen, zu erfassen,
Entzweites Wesen? Immer bleibst du Spiegel.
Ich schau hinein. Das Abbild, ist es mein?
Ists dein? Darf ich so sein? Und rufe: Nein!
Und plötzlich wachsen meiner Seele Flügel.