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Hans Erich Nossack
Porträt Nossack
Interview mit dem Tode

Spiegel-Rezension aus dem Jahre 1952
Als Jean-Paul Sartre bei seinem letztjährigen Deutschlandbesuch gefragt wurde, wen er für den bedeutendsten lebenden deutschen Autor halte, antwortete er: »Ohne Zweifel Nossack.« Wer Nossack ist, hätte von den Anwesenden, hauptsächlich Deutschen, wahrscheinlich niemand besser sagen können als Sartre selbst. Der Fürst der Existentialisten gilt als Nossacks Entdecker für Frankreich. Für den Pariser Verleger Gallimard war Nossack eine lukrative Neuentdeckung. Er brauchte Anfang 1951 nur einen Monat, um seine 20.000er-Auflage der französischen Fassung von Nossacks »Interview mit dem Tode« abzusetzen. Gegenwärtig wird das Buch, das noch in anderen Sprachen erschienen ist, sogar ins Japanische übersetzt. In Deutschland hat der 1948 erschienene, vor kurzem unter dem Titel »Dorothea« neu herausgebrachte Band längst nicht so viel Erfolg gehabt. Nossacks »Bericht eines Überlebenden«, sein Prosa-Erstling »Nekyia", liegt gar noch immer nur in einer ordinären Ausgabe von 1947 vor, deren hundsgemeines Papier auch den gutwilligsten Leser von heute abschreckt. Außerdem gibt es von Nossack bislang nur noch einen Band Gedichte und das Bühnenstück »Die Rotte Kain«, das ist vorerst alles. Doch langte das hin, den Hamburger NWDR - Nachtprogramm - Leiter Jürgen Schüddekopf zu dem Urteil zu bewegen: »Mit diesen Büchern erwies Nossack sich, vorsichtig ausgedrückt, als stärkste geistige Potenz in Hamburg.« Und Paul Fechter fand: »Von den neuen (literarischen) Erscheinungen ... eine der wesentlichsten und begabtesten.« Dieser Potenz hofft Verleger Wolfgang Krüger endgültig zum Durchbruch auch in Deutschland verhelfen zu können, wenn er im Herbst Nossacks neuen Roman herausbringt. Der Autor nennt es einen »Roman ohne Romanhaftes«. Das Ganze besteht - ähnlich wie das »Interview mit dem Tode« - aus zahlreichen einzelnen Erzählungen, die aber alle untereinander verbunden, gleichsam kristallförmig um einen thematischen Kern angeordnet sind. Eine Hauptrolle spielt darin die Gestalt eines Engels. Nossack hält es nun einmal mit dem Übersinnlichen. Sein »Interview mit dem Tode«, ein aus Bruchstücken gebündeltes Buchganzes, ist voll von solchen Geistergestalten mit einem Pferdefuß unter dem gefärbten Uniformrock, mit einem Fischleib oder in antiker Maske. Der von Nossack interviewte »Tod« ist ein penetrant kleinbürgerlicher junger Mann, mit muffiger Wohnung ("Wir sind hier alle ziemlich eng zusammengerückt'', sagte seine Mutter") und ebensolcher Anverwandtschaft, Erbe einer Art von vielfrequentiertem Krematorium, in dem morgens der Betrieb beginnt, wie anderswo das Brötchenbacken. Nossack negiert beharrlich die Kategorien von Raum und Zeit. Unheimliche Besucher stellen sich ungerufen bei verschlossener Tür ein, und Tote gehen um und mimen weiter kräftig mit. »Erst nachdem sie mich gehenkt hatten, fiel mir ein, daß sie meiner Frau die Rechnung dafür schicken würden. Es war alles so überstürzt gekommen. Ich hatte ganz vergessen, mit ihr darüber zu reden. »Sofort eilte ich auf die Gerichtskanzlei. Tatsächlich saß einer der Bürokraten an der Schreibmaschine und schrieb die Rechnung von einem Wisch, der neben ihm lag, ab. Der Betrag machte mit allen Nebenspesen RM 706,08 aus. Ich ärgerte mich über die krumme Summe und ließ den Kopf des Typenhebels für 0 abbrechen, so daß der Kerl keine Nullen mehr schreiben konnte.« Mit solchen nicht einmal satirisch gemeinten Surrealistika hat Nossack die für Kafka und die Folgen besonders empfänglichen Franzosen zum Buchkauf gereizt. Sie nennen ihn »typisch deutsch«, während sein Schreibträumen in Deutschland als französische Manier empfunden wird. Sartre bezeichnete sich als gefesselt durch »die überaus glückliche Verbindung von Reportage und Phantasie«. Er hatte damals Nossacks Bericht vom Untergang Hamburgs in seiner Zeitschrift »Les Temps Modernes« abgedruckt. Dieses Fragment aus dem »Interview mit dem Tode« beschreibt Nossacks Zentralerlebnis, von dem er seitdem nicht mehr loskann. »Ich habe den Untergang Hamburgs als Zuschauer erlebt. Das Schicksal hat es mir erspart, eine Einzelrolle dabei zu spielen. Ich weiß nicht warum, es läßt sich nicht einmal entscheiden, ob ich es als Bevorzugung nehmen soll. »Ich habe viele Hunderte von denen gesprochen, die dabei gewesen sind. ... Sie hatten ihre Rolle und ihr Stichwort und mußten danach handeln; und was sie zu berichten wissen, mag es als Einzelnes noch so erschütternd sein, ist immer nur der Teil, der mit ihrem Stichwort zusammenhängt. »Für mich ging die Stadt als Ganzes unter, und meine Gefahr bestand darin, schauend und wissend durch Erleiden des Gesamtschicksals überwältigt zu werden. Ich fühle mich beauftragt, darüber Rechenschaft abzulegen.«
Das tut Nossack seit dem großen Bombenfall vom Juli 1943 unausgesetzt. Durch alle seine Erzählungen zieht sich als tragendes Motiv das Thema: Untergang, Verwandlung, Rückkehr. »Bericht eines Überlebenden« heißt der Untertitel seines ersten Buches »Nekyia« - Totenopfer. Dem »Interview mit dem Tode« ist der »Bericht eines fremden Wesens über die Menschen« vorangestellt. »Was mich betrifft, so kann ich nur so viel aussagen: Ich habe die Vergangenheit... wie ein Gefängnis verlassen. Ich mußte an mich halten, um nicht auf den Straßen jubelnd auszurufen: Endlich! Obwohl ich wußte, daß nun das Schwerste beginnen würde.« Aber Nossack kann von seiner persönlichen Vergangenheit ebensowenig los, wie er seine Damaskus-Stunde auf der Heide vor dem brennenden Hamburg vergessen kann. Immer wieder beschreibt er die Konflikt-Situationen der Geschlechterfolge. In die Tagträume des »Totenopfers« ist das antike Orest-Motiv eingeflochten, »die Mutterfeindschaft, die den Fluch der Erinnyen trägt«. In den Heimkehrerkapiteln des neuen Romans spielt ausgeprägter Elternhaß eine bedeutende Rolle, und aus diesem Spannungsfeld des Kriegserlebens im großen und kleinen, im allgemein-menschlichen und im sehr privaten Bereich, bezieht Nossacks schriftstellerische Produktion ihre Antriebe her. Nur natürlich darum, daß Nossack erst nach dem Kriege als Schriftsteller bekannt wurde. Nossack ist heute Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Hamburger Freien Akademie, und er gehörte bis zur Spaltung dem gesamtdeutschen PEN an. Das Kriegserlebnis konnte dem wegen einer alten Gehbehinderung Daheimgebliebenen erst das brennende Hamburg vermitteln, in konzentrierter Form. Was die zwischenmenschlichen Konflikte anbelangt, so stand ihm dafür freilich Anschauungsmaterial aus langer eigener Erfahrung zur Verfügung. Der bei den Resten des Hamburgischen Patriziats von heute als krasser Outsider geltende Großkaufmannssohn sah sich früh in diese Rolle gedrängt, da er sich mit sieben Jahren durch einen Sturz beim Eislauf eine Beinlähmung zuzog. Seit er als gehbehindertes Kind bei den Spielen seiner Schulkameraden zusehen mußte, trägt er das Gefühl des Ausgeschlossenseins, der Isolation, mit sich herum. Dieses Gefühl entwickelte sich später zum ausgewachsenen Komplex, der sich in radikaler Kontraststellung gegen seine nächste Umwelt, die Welt des saturierten Großbürgertums, äußerte. Seine Abwehr richtete sich zunächst gegen seine Eltern, später gegen die ganze Gesellschaftsschicht, der er entstammte. Der Sohn des vermögenden Kaffee-Großkaufmanns, farbentragender Korpsstudent, springt von einem Tag auf den anderen aus dem aufgezwungenen Studium heraus, nimmt einen Job als ungelernter Fabrikarbeiter an. Der freiwillige Prolet Nossack schreibt ein Lenin-Drama unter dem XXXagrammtitel »Elnin« (1925 bei Kiepenheuer erschienen), das ihn bei den Seinen endgültig als »Verlorenen Sohn« auswies. Mühsames Sich-Hocharbeiten vom Lehrling zum Abteilungsleiter und schließlich zum Chef der väterlichen Firma, Schreib-Verbot in den zwölf Jahren, der relative Miß-Erfolg seiner nach dem Kriege erschienenen überhaupt ersten Bücher - alles bestärkte den Kaffee-Importeur Nossack, der sich zum Schriftsteller berufen glaubte, nur immer mehr im Glauben an seine Aschenbrödel-Rolle. »Ich bin unbequem, ein Außenseiter«, gefällt sich Nossack. »Hätte ich vor 500 Jahren gelebt, wäre ich ein Ketzer oder ein Heiliger geworden. Allerdings hätte die Kirche ihre liebe Not gehabt, ehe sie mich zurechtgefeilt hätte.«
Hinter allem, was ihm begegnet, wittert Nossack mehr, als er zunächst wahrnehmen kann. In der »Neuen Zeitung« veröffentlichte er vor einiger Zeit ein Feuilleton in Form einer Suchanzeige, die durchaus ehrlich gemeint war: Jener Mann möge sich melden, mit dem er, Nossack, auf einem Hamburger Künstlerfest sein Schaffen kritisch beredet habe und der ihm nachträglich als der ihm vielleicht vorherbestimmte »große Unbekannte« erschienen sei. Er stellte es so hin, als habe er jetzt sein eigentliches »Interview mit dem Tode« geführt, mit einem Jenseitigen jedenfalls. Jener meldete sich auch, aber das Ergebnis war - außer für Nossack selbst - leicht enttäuschend, weil ganz ohne Geheimnis. Der große Unbekannte entpuppte sich als ein Hamburger Schriftsteller und gründlicher Nossack-Kenner. Auch im »Eigenleben seiner Manuskripte« sieht Nossack Beweise für die Doppelbödigkeit seiner Existenz. Im Krieg verbrannte ihm der größte Teil seiner Manuskripte, darunter auch das des Bühnenstücks »Die Rotte Kain«. Er hatte das Drama längst verloren gegeben, als ihm 1946 die Post unvermutet einen Durchschlag des Originalmanuskripts ins Haus brachte. Auch hier glaubt Nossack, daß nur für ganz rationalistische Köpfe die Lösung dieses scheinbaren Rätsels leicht sei. »Ich hatte völlig vergessen, daß ich vor Jahr und Tag meinem Salzburger Freunde einen Durchschlag mitgegeben hatte; ich weiß nicht einmal warum.« Das Manuskript der »Hauptprobe«, einer im Shakespeare-Stil abgefaßten »tragödienhaften Burleske«, lag bis zum Sommer 1944 im Tresor seines Geschäftshauses im Hamburger Freihafen. Dann schickte eine Tausendkilo-Bombe den Geldschrank in den Keller. Tagelang schmorte er dort in der Glut, dann wurde er aufgeschweißt. »Es zeigte sich, daß die Papiere, die er enthielt, nicht verkohlt, sondern nur geröstet waren, kaffeebraun, und die Schrift hatte sich ins Negative verwandelt. Man konnte die Seiten ein einziges Mal umwenden, dann zerfielen sie in tausend kleine Teile. »Und hier stellte sich nun wieder etwas heraus, was sich auf keine Weise voraussehen ließ. Das Seidenpapier, das man für Schreibmaschinendurchschläge zu benutzen pflegt, erwies sich gegen solche höllischen Gluten als weit widerstandsfähiger, als z. B. das dicke und sicher sehr teure Papier, das die Kaufleute für ihre Hauptbücher bevorzugen.« Aus all dem und noch anderem leitet Nossack, der von seinen Lausitzer Vorfahren her ein gewissermaßen »wendisches« Wesen mit der Zwei-Sichtigkeit und dem stock-heidnischen Geisterglauben niederdeutscher Heidjer verbindet, die Überzeugung von seiner schicksalhaften schriftstellerischen Berufung ab. »Bei allen Entscheidungen meines Lebens gab das Schreiben den Ausschlag. Hatte ich zwischen Geschäft und Schreiben zu wählen, wählte ich das Schreiben, also die Armut.« So kompromißlos hat er sich in Wirklichkeit gar nicht entschieden. Nossack sitzt jeden Werktag bis 14 Uhr im Hamburger Büro und importiert Kaffee. Der Rest des streng eingeteilten Tagesablaufs gehört der Literatur. Bei solch musischen Ambitionen des Chefs ist freilich die einst führende Firma sacht in die zweite Reihe gerutscht. Aber das ist ihm ein billiger Kaufpreis. Bei all dem hat er einen Stil herausfinden können, den die Franzosen vielleicht nicht einmal so ganz zu Unrecht als typisch nachkriegsdeutsch bezeichnen. Von den »Dichtung« genannten Roman-Reportagen vorwiegend süddeutscher Provenienz unterscheidet sich sein Schreibstil durch das ehrliche Bemühen, an Stellen zu graben, wo andere noch nicht gescharrt haben. Nossack: »Irgendeine neue Form finden; die alte reicht nicht mehr aus.«
Nossack schreibt viel, rasch und leicht, doch »nicht etwa aus dem Bewußtsein einer höheren Verpflichtung heraus«. Er glaubt nicht an Inspiration, betrachtet »Dichten als biologische Funktion«, den Schreib-Trieb als Laster. Diese Sachlichkeit kennzeichnet auch seinen Stil. An seiner ernüchternd schmucklosen Prosa, immer als Ich - Erzählung gehandhabt, ist das einzig Auffällige die Vorliebe für ganz kurze Sätze: diese gleichsam ausgetrocknete, spröde Sprache nimmt sich wie akustisches Häcksel aus. Fast immer erscheint leibnahe Realität mit dem Mythos verknüpft. Typisches Beispiel: die »Rotte Kain«. Das Drama ist »unter Tausenden von Flüchtlingen entstanden, die in der kahlen Heide hockten, im Hintergrund eine brennende Großstadt, ... über ihnen ein rauchgeschwärzter Himmel ohne Sonne. Diese Menschen waren sehr leise ... Sie hockten teilnahmslos da wie eine Herde Tiere und warteten«. Dieses Bild brachte Regisseur Heinrich Koch (SPIEGEL 35/1950) bei seiner Inszenierung im Hamburger Schauspielhaus bedrückend deutlich und doch ganz stilisiert auf seiner »Koch - Platte« heraus. Sein archaisch-aktueller Mischstil wurde Nossacks vergrübelter Aussage gerecht: »Es handelt sich um die Tragödie der Eltern, die scheiterten ... Um die Tragödie der Kinder, die zu einer verlorenen Generation werden, da die Eltern ihnen die Wahrheit verheimlichten. Und um die Tragödie der Enkel, in denen die kreatürliche Hoffnung durch den Nihilismus der verlorenen Generation bereits wieder im Keim erstickt zu werden droht. »Das scheint mir unsere heutige Situation zu sein. Ich habe mich bemüht, sie so einfach wie möglich darzustellen ... so einfach wie in Grimms Märchen, die jedes Kind sofort als die wirkliche Wirklichkeit versteht.« So unbedingt einfach ist das allerdings nicht ausgedrückt. Das Nomadenhaft-Zottelige des Milieus wirkt bis in die mit Urlauten wie »Ahijj!« oder der stereotypen Anrede »O Umm! - O Abel!« angereicherte Sprache hinein. Eine weniger genau den Stil treffende Aufführung kann den Erfolg der »Rotte Kain« gefährlich leicht im Parkett verkichern lassen. Aber Hamburgs Theatergänger hatten unmittelbar vor der Nossack-Premiere einen Spezialkurs Ernst Barlach mit Aufführungen seines Schauspiels »Der Graf von Ratzeburg« absolviert. Dessen schwer aufzuschließende, symbolschwangere Sprache gab genaueren Aufschluß, woher der norddeutsche Spökenkieker Nossack kommt, den die Franzosen als Kafkaisten so gründlich verkennen. In Hans Erich Nossacks Arbeitszimmer in seiner raffiniert selbstentworfenen Atelierwohnung in Hamburg 13 hängt ein einziges Bild, ein ausgeschnittener Druck aus einer Zeitschrift von nach 45. Es ist ein Porträt des Dichters Ernst Barlach.
Quelle: DER SPIEGEL 22/1952
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