home

"Sie reden von Pflichten, weil sie das Glück nicht haben und verärgert sind; sie wollen, daß andere es auch nicht haben."

Hans Erich Nossack Spätestens im November

Hans Erich Nossack
Nossack Porträt
Spätestens im November
Roman (1955)

TAZ-Rezension aus dem Jahre 2020 von Frauke Hamann

Marianne Helldegen, 28, aus Uelzen, ist mit Max, einem Nahrungsmittelfabrikanten, verheiratet. Ihr und dem kleinen Sohn fehlt es vermeintlich an nichts in der Villa am Stadtrand. Höchst erfolgreich führt Max die väterliche Firma, stiftet auch einen Literaturpreis, der Reputation wegen. Bei der Verleihung ist er selbst dann nicht zugegen, aber Marianne geht hin. Als sie dem einige Jahre älteren Preisträger begegnet, Berthold Möncken, wissen beide sofort, dass sie zusammengehören.

„Mit Ihnen lohnte es sich zu sterben“, sagt er zu ihr. Sie fahren zur Helldegen-Villa, Marianne packt ein paar Sachen zusammen: „Ich wollte ja auch nicht viel mitnehmen, wozu? Nur das Notwendigste.“ Sie spürt, dass es die einzige andere Möglichkeit zu leben ist, die zu versäumen sie sich ewig vorwerfen, ja woran sie zugrunde gehen würde. Als Max heimkehrt und die beiden aufbrechen sieht, fragt er kühl: „Und der Zweck des Unternehmens?“

Dass man mitmachen muss: Diese Haltung dementiert „Spätestens im November“. Nossack (1901–1977) wählt als Erzählhaltung Mariannes Bewusstseinsstrom: Im Rückblick tastet sie die entscheidenden acht Monate ihres Lebens ab nach Möglichkeiten autonomer Perspektivgebung. „Es war alles richtig, was wir taten“, denkt sie beim Verlassen der Villa.
Doch die Amour fou zum Schriftsteller Berthold gerät kaum drei Monate später an einen toten Punkt, auch das spürt sie. Die Empfindungen des Glücks verflüchtigen sich. „Er läßt sich nicht halten“, denkt Marianne, fühlt sich überflüssig an der Seite eines Mannes, der ganz auf sein Schreiben fokussiert ist.

Kurz entschlossen kehrt sie zu Ehemann und Sohn zurück, wird ohne ein Wort des Vorwurfs wieder aufgenommen. „Gefühle haben keine lange Lebensdauer“, ist Max überzeugt. Zäh und nüchtern müsse man sein, um Erfolg zu haben. Im November kommt Berthold Mönckens neues Stück am Stadttheater zur Uraufführung. Die Situation bei Helldegens ist angespannt, Marianne ist sich sicher, dass Möncken sie abholen wird. So geschieht es auch: Nach der Premiere klingelt es. Marianne trägt dasselbe Kleid wie im Frühjahr, packt den Koffer und verlässt Mann und Kind erneut – ein Déjà-vu. „DEATH IS SO PERMANENT“ steht auf dem Straßenschild an der unfallträchtigen Kurve, die Marianne und Berthold passieren. Und der Roman endet wie ein Film der Nouvelle Vague: Sie kommen zusammen ums Leben.

Nossack, 1919 Abiturient am traditionsreichen humanistischen Johanneum, brach das dann begonnene Studium nach Fach- und Hochschulwechsel 1922 wieder ab. Von 1924 bis Mitte der 1950er-Jahre führte er ein Doppelleben: Tagsüber arbeitete er in der väterlichen Kaffee-Import-Firma, die Abende gehörten dem Schreiben. So resultieren Nossacks erzählerische Präzision und sprachliche Klarheit aus einer Beobachterrolle, die er nicht nur dem eigenen Brotberuf und sich selbst gegenüber einnimmt, sondern gegenüber allen Menschen.

Mit klarem Blick legt er auch in „Spätestens im November“ die Erfolgsfixiertheit und Sprachlosigkeit während der westdeutschen „Wirtschaftswunderjahre“ bloß, erzählt vom wachsenden Wohlstand bei gleichzeitiger Leere zwischen den Menschen. „Wir dürfen keinen Fehler machen, wollte ich zu ihm sagen, doch als ich ihn ansah, ließ ich es“, heißt es am Anfang des Romans. Warum sind alle Protagonisten gefangen in Konventionen? Welche Entfaltungsmöglichkeiten hat Marianne in der Ehe mit dem Vorzeige-Unternehmer? Warum kann dieser die Familie nur als Hort des Konformismus begreifen? Und was kann ein Schriftsteller bewirken, der die eigenen Werke geringschätzt und die erhaltene Urkunde nach der Preisverleihung zerreißt?

Man muss sich Nossack als spröden Menschen vorstellen, unsentimental, lakonisch. Über seine „Mutterstadt“ Hamburg schrieb er 1964 in sein Tagebuch: „Es ist unmöglich, zugleich Hamburger und geistiger Mensch zu sein. Das sind unvereinbare Dinge.“ Über seine Wirkung als Schriftsteller hegte er keine Illusionen: „Man muss entweder ganz großen Erfolg haben oder gar nicht erst anfangen.“ Gut, dass Nossack schließlich ganz beim Schreiben blieb, gefördert übrigens von einem Unternehmer.

Er war überzeugt: Nichts für die eigenen Sachen zu tun, ist richtig, dann machen sie selbst ihren Weg, und sei es nach vielen Jahren. Das gilt gewiss für Nossacks Prosatext „Der Untergang“ (1948), im Nachkriegsdeutschland eine der ersten literarischen Befassungen mit den Schrecken des Bombenkriegs. Es gilt unbedingt aber auch für „Spätestens im November“, seinen bis heute erfolgreichsten Roman.

Quelle: taz.am Wochenende vom 14.11.2020

Zu Hans Erich Nossacks Liebesroman
Zeit-Rezension aus dem Jahre 1955
Von Paul Hühnerfeld

Wenn Literatur verdichtetes Abbild des Lebens ist, dann kann es um Liebesromane in unseren Tagen nicht gut bestellt sein. Natürlich gibt es auch heute noch verliebte junge Leute und auch liebende Eheleute, aber die Liebe selbst ist unproblematisch geworden: man liebt sich eben oder man liebt sich nicht – diese Theorie wäre noch unseren Großeltern wie eine grausame Verstümmelung vorgekommen: so einfach, hätten sie argumentiert, ist das mit der Liebe nicht. Aber ihre Enkel sagen: genauso einfach ist es mit der Liebe. Wird’s aber schwieriger, dann wollen wir sie lieber verdrängen.

Zur Liebe – nicht zur Verliebtheit – gehört Zeit; Zeit den anderen kennenzulernen, die Regungen seines Herzens zu verstehen. Wer hat heute noch diese Zeit? Die Gefühle haben ihre Zwischentöne verloren, unsere Seelen sind dabei, sich auf schreckliche Weise zu schabionisieren. Wie kann man da von einem Romanschreiber verlangen, daß er das alte und doch immer wieder faszinierende Spiel sublimer Liebe darzustellen weiß? Und doch ist einem deutschen Autor jetzt ein solcher "wirklichkeitsfremder" (im positiven Sinne) Liebesroman gelungen, ein Buch gegen den Strom der Zeit.

Die Fabel ist so einfach, wie es dem echten Liebesroman aller Zeiten ansteht, und dabei doch so besonders, daß sie eine typische Geschichte unserer Tage ist: Die Frau eines reichen Fabrikanten lernt auf einem Empfang der Stadt einen Schriftsteller kennen. Sie liebt ihn und verläßt noch am gleichen Abend mit ihm Mann, Kind und ihr gesichertes Leben. Sie lebt mit ihm und spürt für kurze Wochen etwas vorher nie gekanntes: Glück. Als sie später wieder zu ihrem Mann zurückkehrt, tut sie es gegen ihr eigenes besseres Wissen, daß sie nie mehr zurückkehren kann. Denn ein Glücklicher ist ein Ausgezeichneter, er ist aus der Höhle des Alltags, in der die anderen sitzen und ein Leben der Schatten an sich vorüberziehen lassen (solche Schatten nennen sie dann: Geld, Erfolg, das Unternehmen, die Stellung) hinausgeführt worden an das Licht der Sonne.

"Es liegt am Glück", sagt Marianne, die liebende Frau. "Sie werden es merken, daß ich glücklich gewesen bin ... Max wird es merken und alle ... Wenn ich lache, werden sie es mir nicht glauben und mich beleidigt ansehen." – Sie geht aber zurück, weil auch in der Gemeinschaft mit dem Geliebten das Glück sie nur für kurze Zeit gestreift hatte. Dann war es wohl "fortgeweht" – niemand weiß, warum und wohin, so wie wir alle in der Gefahr des Fortgewehtwerdens stehen: "... doch schon wurden wir ... fortgeweht, ganz sanft; aber unwiderstehlich, und wie weh es trotzdem tat..." Aber für die, die einmal miteinander glücklich waren, gibt es nur einen Ausweg: Mit dem Tod der beiden Liebenden (sie prallen im Auto gegen einen Brückenpfeiler) schließt denn auch der Roman; Berthold, der Schriftsteller, hatte sie zurückgeholt aus dem behüteten Heim, um den Wunsch zu verwirklichen, den er bei ihrer ersten Begegnung aussprach, den Wunsch, mit ihr zu sterben.

Man sieht schon, daß die Fabel nicht originell, ja in bewundernswert kühnem Maße konventionell ist: sogar die klassische Beziehung von Liebe und Tod wird benutzt. Aktuell an ihr ist jedoch die psychologisch-soziologe Situation der Figuren: der überarbeitete junge Fabrikant Max, ein Mann, dem die Seele in gleichem Ausmaß schrumpft, wie sein Geldbeutel dicker wird. Aber das liegt nicht am Geld; irgendein dämonischer Mechanismus, den wir noch nicht kennen, der uns aber alle bedroht, ist da in Gang gekommen und macht diesen nicht einmal unsympathischen Menschen zu einer modernen Erfolgsmarionette, die ärgerlicherweise auch noch unser Mitleid verlangt. Da ist Marianne, die Ehefrau: viele Jahre ist sie verheiratet, und ehe sie sich endgültig dem Schrumpfungsprozeß des Herzens unterwirft, taucht der Mann auf, der sie erlöst und gleichzeitig für das Leben für immer "unbrauchbar" macht.

An dieser Frauengestalt hat Nossack eine schmerzliche Erkenntnis mit feinsten Nuancen demonstriert: eine Frau leidet mehr als der Mann an der Versachlichung des Lebens. Sie sieht, ohne eingreifen zu können, ihre eigentliche Welt untergehen. Nicht so gut gelungen ist Nossack die Figur des Liebhabers; ein einsamer Mann, der sich nicht binden kann und will, ein Mensch von metaphysischer Kontaktlosigkeit, der einmal zugreift und dann nicht durchhält. Warum nicht? Hier gehen Probleme der menschlichen und der künstlerischen Existenz durcheinander: es wäre vielleicht günstiger gewesen, der Autor hätte dem Außenseiter der Gefühle nicht auch noch den Außenseiterberuf eines Dichters gegeben. Bleibt noch die Frage: Ist es Nossack gelungen, aus seiner eindrucksvollen Fabel, seiner sublimen Menschenzeichnung einen guten Roman zu machen?

Von der Form her ist die Frage ohne weiteres zu bejahen. Die spezifische Abrundung der Fabel durch den Tod, der am Beginn und am Ende steht, ergibt von selbst ein sicheres Eingebettetsein der fließenden Erzählung. Wichtiger ist schon, daß Nossack auch vom Stil her seit seinen letzten Büchern zugelernt hat und sich nun mit bewundernswert sicheren Schritten dem Punkte seiner ihm möglichen Vollkommenheit nähert. Das Kennzeichen dieses Stils ist eine zuerst kaum merkliche, dann aber immer mehr anwachsende Spannung. Einfache Sätze wirken bei Nossack, als ob sie irgendwo doch gar nicht einfach wären. Bei aufmerksamem Lesen spürt man bald, woran das liegt: Nossack sagt mit ganz einfachen Worten und Sätzen ausgesprochen schwierigen Inhalt aus. Ohne sprachliche "Zwischentöne" zu verwenden, spricht er in seiner Geschichte fast immer von den diffizilsten Dingen. Das ergibt die Spannung, die sich bald auf den Leser überträgt – und ihn an Stellen, wo die Diskrepanz zwischen Inhalt und Stil zu groß wird (wo Nossack also sein eigenes Kunstmittel überfordert) bisweilen quält. Aber es ist ein moderner Stil, der hier geschaffen wurde, wie wir ihn in der deutschen Gegenwartsliteratur sonst nirgendwo kennen.

Es sei erlaubt, zum Schluß noch eine Bemerkung zu diesem Buch zu machen, die den Rahmen einer Kritik eigentlich sprengt. Doch kann sie vielleicht sehr gut die innere Anteilnahme verdeutlichen, mit der man dies Buch liest: Diese Bemerkung ist eine Frage an den Autor: Könnte es wohl sein, daß das Glück für die beiden Liebenden sich deshalb nur für kurze Zeit einstellt, weil der eigentliche Widerpart des Todes im Spiel um den Menschen, weil Gott hier gar nicht vorkommt? Und weil vielleicht ohne ihn eine dauerhafte Begegnung zwischen zwei Menschen nicht möglich ist?

Quelle: Die Zeit vom 1.12.1955
Nach oben