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Hans Erich Nossack
Porträt Nossack
Wilhelm-Raabe-Preis

Jahnn an Prof. Dr. Hoppe am 1.November 1954

Hochverehrter Herr Professor!
Als Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg erlaube ich mir, anlässlich der bevorstehenden Verleihung des Raabe-Preises, die Jury auf Herrn Hans Erich Nossack aufmerksam zu machen, der nach meinem Dafürhalten einer der hervorragendsten lebenden deutschen Epiker ist. Er versucht in seinen literarischen Werken den knappesten und ungeschminktesten Ausdruck zu finden. Er scheint mir für die Entwicklung und für die Prägung der deutschen Sprache von grosse Bedeutung zu sein.

Hans Erich Nossack hatte das Unglück, dass er in den Jahren 1933 bis 1945 nicht gedruckt wurde; zudem ereilte ihn das Missgeschick, dass der grösste Teil der in jenen Jahren geschriebenen Werke durch Kriegsereignisse verloren ging. Nach 1945 erschienen: ‚Gedichte‘ (1946), 1947 ‚Nekyia‘, 1948 ‚Interview mit dem Tode‘, 1949 ‚Die Rotte Kain‘, 1951 ‚Dorothea‘2. Die eben genannten Werke umfassen nur keineswegs die gesamte dichterische Arbeit der letzten Jahre. … Zur Zeit liegen zwei unveröffentlichte epische Werke von beträchtlichem Umfang vor.

In seinen Übersetzungen hat sich Hans Erich Nossack durchaus als Stilist von ungewöhnlichen Fähigkeiten erwiesen. Genannt sei hier ‚Des Pudels Kern‘ von Joyce Cary (aus dem Englischen). Ich möchte hier gleich einfügen, dass es als beschämend empfunden werden muss, dass ein Autor wie Hans Erich Nossack z. B. in Frankreich ein grösseres Ansehen geniesst als in seiner Heimat, wo man ihm Unbequemlichkeit nachsagt. Jean-Paul Sartre wies schon mit grossem Nachdruck im Jahre 1949 auf Nossack hin und veröffentlichte sofort seine geradezu klassische Schilderung des Untergangs Hamburgs in ‚Les Temps Modernes‘. Der berühmte Verlag Gallimard veröffentlichte sodann 1950 das ‚Interview avec la Mort‘. Das gleiche Buch wurde ins Schwedische, Italienische und Japanische übersetzt.

Das äussere Leben Hans Erich Nossacks möchte ich kurz zusammenfassen: Geboren 30. Januar 1901, besuchte das Johan[n]eum in Hamburg, studierte in Jena, gab das Studium aus Geldmangel auf und wurde Fabrikarbeiter, Reisender, Bankangestellter u.s.w. … Sie gestatten mir bitte, verehrter Herr Professor Hoppe, dass ich mich in aller Offenheit erkläre. Es sind in der letzten Zeit in der Bundesrepublik eine Anzahl von Literaturpreisen zum Teil an mittelmässige Autoren verteilt worden. Diese Tatsache wäre leichter zu ertragen, wenn die wenigen wirklichen Potenzen, die sich in Deutschalnd befinden, vorher oder gleichzeitig in ähnlicher Weise ausgezeichnet worden wären. Das ist aber bedauerlicher Weise meistens nicht der Fall gewesen. Es ist mir nicht bekannt, dass Hans Erich Nossack jemals eine öffentliche literarische Auszeichnung zuerkannt bekommen hat. Doch auch für einen bedeutenden Dichter ist es notwendig, dass er hin und wieder eine Anerkennung bekommt, damit er nicht das Gefühl empfängt, völlig vereinsamt zu sein.

Ich weiss Ihnen keinen würdigeren Menschen für den Raabe-Preis vorzuschlagen als Hans Erich Nossack. Und ich bitte sie von ganzem Herzen, ihn bei der diesjährigen Verleihung des Raabe-Preises zu berücksichtigen, zumal er gezwungen ist, seinen Lebensunterhalt bisher in zeitraubender Weise durch anders geartete Arbeit zu verdienen.
Es begrüsst Sie hochachtungsvoll Ihr Hans Henny Jahnn

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