In diesem Bande sind alle Erzählungen Hans Erich Nossacks gesammelt, die nach dem 'Interview mit dem Tode' entstanden sind - mit der einzigen Ausnahme von 'Unmögliche Beweisaufnahme'. Wenngleich sie ihrer Entstehung nach weit auseinander liegen, haben sie doch alle den eigentümlichen, zwischen Bericht und Geheimnis liegenden Ton, der für Nossack nicht nur charakteristisch ist, sondern ihn von allen anderen deutschen Erzählern aufs deutlichste unterscheidet und ihm seine Sonderstellung einräumt. Was die verstreuten Veröffentlichungen vielleicht nicht sichtbar machen konnten, wird dem Sammelbande ohne Frage gelingen; er wird Nossacks überragende Bedeutung innerhalb der gegenwärtigen Erzählprosa auch denen vor Augen führen, die sie bisher nicht gewahr geworden sind.
Bericht, Verhör, Recherche, diese drei eng nebeneinanderliegenden Formen, sind die Formen Nossacks. Gemeinsam ist ihnen
die Atmosphäre nüchterner Sachlichkeit, Unbeteiligtheit, Glaubwürdigkeit. Gemeinsam ist ihnen auch ihr Zusammenhang
mit der Wahrheit, sei sie nun die einmal erkannte oder die erst noch zu entdeckende. Mit Fiktion haben sie ihrem Wesen
nach nichts zu tun. Aber ihre Wahrheit braucht sich nicht mit der herkömmlichen Wirklichkeit zu decken,
sie darf es sogar in dem Maße nicht, in dem die Wahrheit des berichtenden Ichs die gemeine Wirklichkeit durchstoßen hat.
Ihre Sprache ist nicht die Sprache der Fabel oder des Wunders, sondern die Sprache des Geheimnisses.
Sie ist von höchster Beherrschtheit, fast ohne Schwankung, Beruhigung geht von ihr aus, Windstille ist in ihr.
Aber das Geheimnis ist anwesend und dringt durch alle Ritzen. Es liegt hinter den Fragen und vor den Antworten.
Die Sprache versagt sich ihm, aber indem sie ihre Unzulänglichkeit eingesteht, lässt sie es durchschimmern.
Die Zeit
Quelle des Textes ist der originale Klappentext zu dem Buch von Hans Erich Nossack mit dem Titel Begegnung im Vorraum (erschienen in Frankfurt am Main bei Suhrkamp im Jahr 1963).