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In den Weihnachtstagen schrieb ich immerhin eine handfeste Erzählung von ca. 40 Buchseiten. Es geht um einen Fisch im Paläozoikum, der sich in ein Landtier umzuwandeln im Begriffe ist. Dazu müssen sich die Kiemen in Lungen und die Flossen in Füsse verändern, damit er das Nichts atmen und auf dem Trocknen leben kann. Ein mutiger Schlingel!
(H.E.N. an Hans Henny Jahnn am 4.Januar 1951)

Hans Erich Nossack
Porträt Nossack
Der Neugierige

Hans Henny Jahnn
Kleine Rede über H.E.N. (1955)

Man lese einmal in seiner Novelle Der Neugierige nach, wie das Nichts sich zu einer neuen Welt, zu einer ungeheuren Tatsächlichkeit auflöst, wie dies Nichts zu einem Etwas vernichtet wird. Denn für die Stammväter des »Neugierigen«, der ein Fisch ist, war Welt nur die Welt des Wassers, des Meeres und seiner Abgründe, der Felsen und Gebirge, die in Flut getaucht waren, – und das Licht- oder Nachterfüllte oberhalb der Oberfläche die Sphäre des Todes, das Unbetretbare, kaum Vorzustellende, eben das Jenseitige, Gestaltlose, also Nichts, das zu erforschen einzig jugendlich Unverantwortliche, Phantasten, Abtrünnige gegen das Überlieferte und das Althergebrachte unternehmen konnten, die sittlich nicht Gefestigten, die Unmoralischen.

Man höre eine der herrlichen Passagen, die dieser unmoralische Fisch, als ob er ein Dichter wäre, vor sich hin sagt: »So gewöhnte ich mich unmerklich, ohne das Wasser auszukommen. Meine Kiemen lernten das Nichts atmen, was doch bei uns für das Allerunmöglichste galt. Doch nie wurde es mir klar, daß ich etwas Unmögliches tat; denn ich tat es ja nicht aus Trotz und nicht aus Verzweiflung. Ich tat es nicht selbst, es wurde mit mir getan. Es war nicht mein Hirn und nicht mein Wille, daß dies mit mir geschah, was sie mich als das Verkehrte gelehrt hatten. Sonst hätte ich einsehen müssen, daß ein Nichts, das ich zu atmen vermag, um davon zu leben, gar nicht das Nichts sein kann, sondern ein Anderes, Neues. Und daß ich dabei war, das Verkehrte in das Richtige umzuwandeln. Und daß vielleicht die Stunde kommen könne – wie weit, weit sie auch entfernt sein mag –, in der einer vom Meere zu sprechen wagt: Siehe, das ist das große Nichts, aus dem wir alle stammen.«

Anmerkung:
In der ersten Hälfte seiner kleinen Rede spricht Jahnn über Nossacks 'Der Untergang'

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