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Hans Erich Nossack
Nossack Porträt
Der Untergang

Hans Henny Jahnn
Kleine Rede über H.E.N. (1955)

Nossack hat den Untergang Hamburgs im Jahre 1943 miterlebt, genauer gesagt, aus nächster Nähe gesehen. Er befand sich in Maschen bei Harburg, als das Ungeheuerliche abrollte. Und er hat es beschrieben. Seine Aufzeichnungen darüber stammen von November 1943. Sie sind, oberflächlich betrachtet, maßvoll, gezähmt, kaum mit Bedacht geordnet. Aber sie sind ein Strudel. Wenn man sich dazu herbeiläßt, sie zu lesen, wird man von einem ungeheuren Sog erfaßt. Ja, die gewohnte Wirklichkeit nimmt ihre Maske ab, und man erkennt plötzlich ein Gesicht, ein völlig fremdes; aber man wird zugleich versucht zu fragen: ist es am Ende mein Spiegelbild?

– Nun, jeder Satz hat sein gehöriges Maß an Zurückhaltung, an Fragwürdigkeit. Doch aus der Zahl der Sätze formt sich das Schicksal der Stadt, das der Toten und das der Überlebenden. Plötzlich ist die Schilderung eiserner als alle steinernen Denkmäler, die man den Umgekommenen und den zertrümmerten Gebäuden setzen wird. Aber hat man die Stimme gehört? Es ist zu bezweifeln. Jedenfalls hat man die Aussage vergessen oder sie umgedeutet, hat ihr die Schwere genommen.

Nossack sagt es selbst: Klonz lebt. Klonz hat die größere Vitalität. »Pfui über diese Art Vitalität! Mir ist die zarte Vitalität einer Geliebten lieber. Und ich halte jene wohl nicht minder zerbrechliche Vitalität Gottes für wertvoller, von dem wir immer noch nicht wissen, ob er davongekommen ist. Statt dessen aber prahlen diese Wesen überall mit ihrer Vitalität und kommen gut voran, da sie nichts mehr in ihrem Wachstum hemmt.«

– Ach, ich möchte hier den ganzen Klonz zitieren, die Schilderung dieses Mannes, der alles überlebte, alles überleben wird und immer wieder Wirtschaftswunder hervorzaubert, auch wenn die Kühe auf dem Felde verreckt sein werden und der letzte Dichter seinen Abgang vollzogen hat. Herr Klonz ist tüchtig. Wer kann das von sich noch sagen, wenn er begonnen hat nachzudenken? Lassen wir das. Doch zurück zum Untergang Hamburgs.

»Ratten und Fliegen beherrschten die Stadt. Frech und fett tummelten sich die Ratten auf den Straßen. Aber noch ekelerregender waren die Fliegen. Große, grünschillernde, wie man sie nie gesehen hatte. Klumpenweise wälzten sie sich auf dem Pflaster, saßen an den Mauerresten sich begattend übereinander und wärmten sich müde und satt an den Splittern der Fensterscheiben. Als sie schon nicht mehr fliegen konnten, krochen sie durch die kleinsten Ritzen hinter uns her, besudelten alles, und ihr Rascheln und Brummen war das erste, was wir beim Aufwachen hörten. Dies hörte erst später im Oktober auf.«

So war es. Aber wer will daran noch erinnert sein oder gar darüber nachdenken? Wer will sich damit befassen, daß es morgen wieder so sein kann? Schlimmer vielleicht, sofern die Quantität der Zerstörung die Qualität der Vernichtung ausmacht. Es ist also die Frage gestellt, ob man den Dichter versteht; ob er in unserem Sozialgefüge eine Funktion hat oder ob alles den großen Meinungsmaschinen überlassen bleiben soll.

– Wahrscheinlich muß man Nein zum ersten antworten, wahrscheinlich Ja zum letzten. Man müßte Schluß machen. So etwa sagt Nossack zu sich und seinesgleichen. Aber er verbessert sich: »Wie aber soll einer die Tiefe unseres Fallens ermessen, wenn wir alle abseits gehen und immer nur so tun, als wäre es gut so, wie es ist? Und gibt es denn noch ein Abseits? Die Häuserwände sind zusammengestürzt, die Maskenkostüme sind zerschlissen, und die großen Worte haben keinen Klang mehr. In welcher Pose auch einer auftritt, und mag er ein noch so großer Schauspieler sein, man merkt es doch, wo es ihm fehlt.«

Ja, man merkt es, wo es uns fehlt. » – wenn du uns Gott rufen hörst, traue uns nicht. Einige tun es, weil sie sich erinnern, daß es lange vorher eine Zeit gab, wo es nützte. Andere, weil sie einen Machtzuwachs dadurch erwarten. Selbst, wo sie es gut meinen, schaden sie nur, und vermehren die Ratlosigkeit.«

»Die ihn aber verschweigen, wissen mehr über Gott, als die, die seinen Namen im Munde führen. Sie wollen ihn nicht zu einem Beruf erniedrigen, der ihm nicht liegt. Sie schämen sich, ihm kein besseres Dasein bieten zu können. Sie haben Mitleid mit ihm.«

Die Absicht dieser meiner Worte ist es, auf Hans Erich Nossack hinzuweisen. Aber man kann nicht jedermann auf jeden und jedes hinweisen. Die Menschen sind verschieden, und die meisten heißen Klonz. Eine recht kluge, ich möchte sagen, recht wohlhabende Frau sagte mir vor geraumer Zeit, als wir vom Bilde Deutschlands sprachen: »Es gibt hier zwei Arten von Menschen: Verbrecher und Mönche.« Das ist am Ende eine Übertreibung, weil es eine zu große Vereinfachung ist; denn wohin soll man die Einfältigen, die Untüchtigen und die sogenannten Asozialen rechnen?

Daß Nossack zu den Mönchen zählt, möchten wir kaum bezweifeln. Wenn wir das einräumen, ist die Frage erlaubt, ob ein Mönch auch für solche schreibt, die einer Gewissensprüfung nicht fähig sind. Ich glaube kaum. Er schreibt nicht für Klonz. Vielleicht schreibt er über Klonz, der vielleicht ein guter Gastwirt ist; doch nicht für ihn. Wie könnte er das auch? Wie könnte es einer, der nur ein einziges Mal dies gedacht hat: »Es gibt etwas Schlimmeres als das Nichts. Das ist, daß die Karikatur des Menschen dies Nichts mit Betriebsamkeit erfüllt; daß sich ein gefräßiges Zerrbild aufbläht und alles Echte erstickt; daß der Spießbürger ewiger ist als der Mensch. Wie soll man das ertragen?«

Anmerkung:
In der ersten Hälfte seiner kleinen Rede spricht Jahnn über Nossacks 'Der Neugierige'

Der berühmteste unberühmte Schriftsteller Deutschlands
Plötzlich zählt ein deutscher Roman zu den wichtigsten des 20. Jahrhunderts – aber hierzulande kennt niemand Hans Erich Nossacks "Der Untergang". Das sollte sich ändern.
Von Florian Illies

Der berühmteste unberühmte Schriftsteller Deutschlands – Seite 1 Schon zweimal wäre Hans Erich Nossack fast berühmt geworden. Das erste Mal 1961, als er den Büchner-Preis erhielt, die schon damals wichtigste literarische Auszeichnung Deutschlands. In der Laudatio wurde vor allem Der Untergang gerühmt – ein Roman über die Bombardierung Hamburgs, von Nossack direkt nach dem Luftangriff, also 1943, geschrieben. Für sein Gefühl – so formulierte es der Laudator Hermann Kasack – habe Nossack mit Der Untergang ein Stück deutscher Prosa geschrieben, das sogar den hohen Vergleich mit Adalbert Stifter aushalte. Noch im selben Jahr erschien der Roman des frischgebackenen Büchnerpreisträgers erstmals als eigenständiges Buch – und zwar in einem alarmistischen Orange als 19. Band der neu gegründeten Regenbogenfarben-Reihe von Suhrkamp. Doch allen Preisen und Lobreden zum Trotz: Niemand wollte den Roman lesen. Die Deutschen hatten einfach keine Lust, auf den Krieg zurückzublicken. Als sich dann im Jahre 1997 der Schriftsteller W.G. Sebald in seinen aufsehenerregenden Vorlesungen über Luftkrieg und Literatur lautstark darüber wunderte, warum das existenzielle Thema der Bombardierung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg nicht als zentraler Stoff der Nachkriegsliteratur diente, wäre Nossack zum zweiten Mal fast berühmt geworden. Sebald schrieb: "Es ist das unabweisbare Verdienst Nossacks, daß er als einziger Schriftsteller damals den Versuch unternahm, das, was er tatsächlich gesehen hatte, in möglichst unverbrämter Form niederzuschreiben." Eigentlich hätte so eine dringende Lektüreempfehlung Wirkung zeigen müssen. Doch auch 1997 mochte niemand Hans Erich Nossack lesen. Man wollte lieber nach vorn blicken. Was nun hatte Nossack gesehen? Durch einen glücklichen Zufall hatte er Hamburg im Juli 1943 mit seiner Frau Misi für ein paar Sommertage verlassen und Zuflucht in einer verlassenen Hütte bei Maschen vor der Stadtgrenze gefunden. Die Heide fing gerade an zu blühen. Und zwar in jenem Lila, das vom Beginn der Passionszeit erzählt. Nur zwei Tage später brach das Leiden los, das apokalyptische Luftbombardement Hamburgs. Nossack erlebte es als Zuschauer, wie von einem sommerlichen Logenplatz aus sah er die herannahenden Geschwader, hörte ihre beängstigenden Geräusche, das Jaulen der Luftbomben, den erstickten Aufschrei Hamburgs. Und dann sah er das Feuer und den Rauch, der nächtliche Himmel über der Heide wurde erleuchtet vom Untergang seiner Heimatstadt. Davon sollte Nossack wenig später Rechenschaft ablegen in seinem Buch Der Untergang, das keine Gattungsbezeichnung trägt, ein Bericht eher als eine Novelle, ein Memoir mehr als eine Schlachtbeschreibung. W.G. Sebald rühmt Nossack vor allem für seine Schilderungen dieses von Phosphorbomben zerfressenen, fast vollkommen zerstörten Hamburg, zu dem er zwei Tage nach dem Bombardement mit schweren Schritten aufbricht. Was er sieht, ist wie eine Folter für den feinsinnigen Kaufmannssohn und Dichter, der gerade seinen 42. Geburtstag gefeiert hat. In seinem "Rechenschaftsbericht", wie es Sebald nennt, geht es Nossack um die "ausgebrannten Kulissen, die Schornsteine, die seltsamerweise stehen geblieben sind, die Wäsche, die weiter auf dem Gestell vor dem Küchenfenster trocknet, um eine zerrissene Gardine, die aus einer leeren Veranda weht, um ein Wohnzimmersofa mit gehäkelter Decke und die ungezählten anderen, für immer verlorenen Sachen und um den Schutt, unter dem sie begraben sind." Ein deutscher Halbgott im Schriftsteller-Olymp Nun, knapp 30 Jahre nach Sebalds zweitem Versuch, erleben wir gerade den dritten Anlauf, den Untergang und Nossack berühmt zu machen. Im C.H.Beck-Verlag ist das mitreißende Buch Stranger than Fiction – Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen erschienen, verfasst vom amerikanischen Literaturwissenschaftler Edwin Frank, der die renommierte New York Review of Books verlegt. Zu den dreißig bahnbrechenden Romanen, die für Frank das 20. Jahrhundert erzählen, gehören für ihn natürlich die großen Götter der Moderne: Franz Kafka, Thomas Mann, Marcel Proust, James Joyce, Robert Musil und Vladimir Nabokov. Doch dann taucht plötzlich in diesem wohlbekannten Olymp ein deutscher Halbgott auf: Hans Erich Nossack. Und vielleicht hilft die hinreißende Begründung von Edwin Frank den Deutschen dabei, sich nun doch endlich auf ihren unberühmtesten berühmten Schriftsteller einzulassen: Im Untergang, so schreibt er, "ringen die fantasievollen Ressourcen der Fiktion darum, sich mit den unerträglichen Tatsachen zu arrangieren und sich zugleich davon zu befreien". Zumindest mich hat dieser Satz davon überzeugt, endlich Der Untergang zu lesen, die antiquarische Suhrkamp-Fassung in Orangerot. Und tatsächlich bietet dieser Roman ein aufwühlendes, verstörendes, prägendes Lektüreerlebnis. Das Außergewöhnliche an diesem Buch ist die gebrochene Erzählperspektive – denn das Ich des distanzierten Erzählers fällt mit dem Ich des Menschen zusammen, dessen eigenes Wohnhaus in Hamburg dem Erdboden gleichgemacht worden ist. Und damit auch sein bisheriges Leben und seine schriftstellerische Existenz – denn alle Manuskripte dieses Dichters, dessen Nerven so dünn waren wie seine Haare, lagen in diesem mittlerweile abgebrannten Haus, als er zur Sommerfrische aufbrach. Doch dann geschah ein kleines Wunder: Nur wenige Wochen später schreibt Nossack in einer halb zerbombten Wohnung in der Hamburger Isestraße fiebernd über die Apokalypse seiner Heimatstadt. Und gerade die schmerzhaft minutiöse Beschreibung der Auslöschung seiner bisherigen literarischen Existenz wird zur Geburtsstunde des Schriftstellers Hans Erich Nossack. Denn als er inmitten der Trümmerwüste Hamburgs nicht mehr an mögliche Leser denkt, nicht mehr an seine alten Gedichte und nicht mehr an seine verschütteten Freunde, als er nur Worte zu finden versucht, für das, was er gesehen hat und was ihn seitdem jede Nacht in seinen Albträumen peinigt, da wird er zu einem "Seher" der neuen Art – zu einem "Engel der Geschichte", wie ihn Walter Benjamin 1940 beschrieben hat: "Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Sein Gesicht ist der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert." Dank Edwin Frank dürfen wir das Dokument dieser Verwandlung – ein schmales, kaum 80 Seiten langes Prosastück – nun endlich in den deutschen Kanon aufnehmen. Anders als W.G. Sebald, der noch eine "fatale Neigung zur philosophischen Überhöhung und falschen Transzendenz" an Nossack bemängelt, erkennt Frank in diesem fantastischen Stil Nossacks eine Qualität: die einzig mögliche Form, das eigene Überleben geschichtsphilosophisch oder auch halluzinatorisch zu befragen, um die Freiheit des Denkens zu bewahren. Der Untergang ist, wie Frank es formuliert, "Schreiben im freien Fall". Der Engel der Geschichte stürzt ab – und blickt dennoch weiter nur zurück. Nossack ist sich, fallend, 1943 bereits beim Verfassen völlig im Unklaren, ob sein Bericht im aufsteigenden Jahrhundert, also 1948 oder 1961 oder 1997 wirklich gelesen werden wird: "Wozu dies alles niederschreiben? Wie wenn spätere es nur läsen, um sich am Unheimlichen zu ergötzen und ihr Lebensgefühl dadurch zu erhöhen?" Wir sollten Hans Erich Nossack endlich Lügen strafen. Wir sollten dringend dieses unberühmte Buch lesen, das uns sehr viel mehr über den wirklichen "Untergang des Abendlandes" erzählt als das gleichnamige und so viel berühmtere Buch Oswald Spenglers. Der Untergang erzählt davon, was Menschen Unfassbares anrichten können und was Menschen Unfassbares aushalten können. Und dass nur Sprache solche Extreme zu fassen vermag. Auch wenn es manchmal drei Anläufe braucht, damit sie Gehör findet.

Quelle: DIE ZEIT - 9. April 2026
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