
Welch ein Glück! Ich brauche den, dem ich meine Geschichte erzähle, nicht erst zu erfinden. Ich bin
also tatsächlich ein glücklicher Mensch."
So beginnt Hans Erich Nossacks neuester Roman, der vom Überleben, vom Abwarten und vom Zu-Ende-Denken
handelt. In das Glück, von dem die Rede ist, muss man sich mühsam versetzen. Oder ist Wunschlosigkeit
wirklich das einzige Glück, das es gibt? Nossack, so alt wie der Held, der seine "Erinnerungen an
Aporée", wo die Leute todesreif und todessüchtig sind, einem Unbekannten in der Dachkammer von gegenüber
ausbreitet, verschwendet sein Erzähltalent, um seiner sperrigen Glückstheorie Gültigkeit zu verschaffen.
Er entfernt sich zu diesem Zweck aus dem Alltag ins Abseits, flieht in die Fiktion, um diese dann aber
faktentreu zu reproduzieren, bleibt also in dem neuen Roman der Alte, der nüchterne Visionär, der er
immer war, und lädt seine Leser zu einer Läuterungsreise in die Vergangenheit ein.
"Ein glücklicher Mensch", das ist wieder eine Science-Fiction-Erzählung, die sich von utopischer Literatur anderer Autoren freilich stark unterscheidet. Es geht nicht um zu Ende gedachten technischen Fortschritt, nicht um rationale Entwicklungen, sondern wieder einmal um irrationale Ereignisse. Abenteuer der Seele werden ausgebreitet. Ein Zeitungsphoto, 1954 veröffentlicht, einen Farmer in Ödnis zeigend, löste so etwas wie einen Schreibzwang aus. Der Farmer war nämlich mit einem Funkgerät ausgerüstet: Was hatte dieser Mann zu sagen? Nossack hat lange darüber nachgedacht und hat an dem Materialsichtungs-, an dem Denk- und Schreibprozeß teilnehmen lassen, wie findige Nossack-Leser herausfanden.
Aporée, die mondän und archaisch, zugleich anmutende Wortschöpfung, muss denen, die ihren Nossack kennen, bekannt vorkommen. Denn Aporée war in dem Roman "Der jüngere Bruder" der Name eines Künstlerlokals. Aporée oder genauer "Flucht nach Aporée" war in jenem Roman auch der Titel eines Buches, das von einem durch eine kosmische Katastrophe verseuchten Landstrich handelt. Jenes Buch war vorgelesen und verworfen worden – und zwar von Nossack selbst. "Die Flucht nach Aporée" ist nunmehr als "Erinnerungen an Aporée", wie Nossacks "Ein glücklicher Mensch" im Untertitel heißt, abermals, wenn auch in abgewandelter Form, über uns gekommen. Aporée, das war eine Stätte der Bedrohung und sollte doch auch ein Ort der Besinnung sein. Aporée, das sind die "verwüsteten Stellen", die in dem Foto vorkamen, aber das ist auch die "Höhe der Verzweiflung", die allein den Durchbruch zu einem besseren Selbst und damit zum Glück erlaubt. Der Weg nach und von Aporée ist weit, wie man sieht. Nossack riskierte sogar den Verlust seiner Gefolgschaft. Der Alte, der von seinem Aufenthalt in Aporée erzählt, ist keine sonderlich eindrucksvolle Figur. Sein Schicksal, dieses Ausgesetzt- und schließlich Erlöst-Sein reißen nicht mit.
Nossack ist noch immer der nämliche Nossack. Er liefert einen Bericht, bei dem es auf das zu Berichtende nur bedingt ankommt. Die Erzählweise ist es, die zählt. Verhör und Protokoll, Recherche, Rapport und Chronik – das waren. Nossacks Erzählformen von Anfang an. Er ist gut siebzig und kein schlechterer Erzähler als damals, als er das "Interview mit dem Tode" (1948) oder den "Bericht über eine Epidemie" (1973), seine "Bereitschaftsdienst"-Reportage, schrieb. Damals wie heute dominiert der dokumentarische, präziser: der pseudodokumentarische Gestus. Der Beobachter, der zugleich Berichterstatter ist, bleibt auf sachlich kühle Darstellung angewiesen. Schlicht ist auch die Sprache des "Glücklichen", der die Ödnis überlebt und allen Erfahrungen zum Trotz im Land der zum Tode Verurteilten Leben zeugt. Aggie, die Tochter, ist in Aporée geboren. Aber, einmal am Leben, will sie von ihrer dunklen Herkunft nichts wissen. Der Alte hingegen muss Aporée, diese Endzeit-Erfahrung, loswerden. Der Unbekannte "in der Dachkammer von gegenüber bietet sich als Partner an. Ein Grund, glücklich zu sein?
Aus der ZEIT Nr. 04/197616. Januar 1976, 8:00 Uhr